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MÜNSTER


SCHATZKAMMER


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MÜNSTER ST. VITUS - SCHATZKAMMER


Ausgewählte Kunstwerke des Münsterschatzes

Zum ältesten Besitz der Schatzkammer gehört der aus romanischer Zeit stammende kostbare Tragaltar, der in edler Goldschmiedetechnik um 1160 in Köln entstand und mit der Kunst eines Kölner Goldschmiedes Eilbertus in Zusammenhang steht. Seine Rettung im Jahre 1795 ist dem letzten Prior des Klosters zu verdanken, der ihn als damaliger Pfarrer von Gladbach im Pfarrhaus verbarg. Der kleine Altar ist gerade groß genug, um Kelch und Hostie Platz zu bieten. Er folgt in seiner Form, dem rings umlaufenden Sockel- und Deckplattengesims und den durch Arkaden gegliederten Wänden, den großen steinernen Kastenaltären der Romanik, ist jedoch anders als diese wie eine Truhe auf vier zierlich aus Bronze gegossene Drachenfüße gesetzt. Der im Kern aus Eichenholz bestehende Kasten, in dessen Oberseite eine Serpentinplatte als Altarstein eingelassen ist, ist vollständig mit vergoldetem, teilweise emailliertem Kupferblech überzogen, so daß sein äußeres gold- und edelsteinfarben leuchtet. 28 alt- und neutestamentliche Gestalten oder Szenen, in flacher Metallzeichnung aus Gold gearbeitet und durch Gravuren in den Einzelheiten verdeutlicht, füllen in sogenannter Grubenschmelztechnik die blau und grün emaillierten Arkadenflächen der Kastenwände bzw. die zehn ebenso emaillierten Quadratfelder der Tischfläche des Altares. Die Gestalten gruppieren sich in thematisch durchdachter Ordnung, durch erläuternde Beischriften begleitet, um die beiden zentralen Szenen der Kreuzigung Christi und der Auferstehung. Eine größere Zahl derartiger romanischer Tragaltäre ist aus dem 12.Jh. Erhalten geblieben, meist Werke aus Kölner, westfälisch-niedersächsischen und maasländischen Werkstätten. Unter ihnen gilt der mönchengladbacher Altar, zusammen mit einem wohl von der gleichen Künstlerhand stammenden und nur wenig abgewandelten Tragaltar aus dem Besitz der Abtei Siegburg, als einer der schönsten im Rheinland. Über Zweck und Verwendung solcher Tragaltäre weiß man, daß sie für den Gottesdienst reisender Missionare, aber auch zur Meßfeier in Kirchen, und zwar auf noch nicht konsekrierten Altären, sowie in anderen Räumen (z. B. im Krankenzimmer in Verbindung mit der Spendung der Krankensalbung) bestimmt waren.

Neben dem Tragaltar bewahrt der Schatz noch ein weiteres bedeutendes Stück aus romanischer Zeit, nämlich einen viereckigen elfenbeinernen Reliquienkasten. Wahrscheinlich stammt er aus dem 12. oder 13. Jh. Die klare Flächenaufteilung seiner Langseiten, Schmalseiten und seines Deckels in überschaubare, fast quadratische gerahmte Felder hat Ähnlichkeit mit der Aufteilung des Tragaltares. Es handelt sich um ein bemerkenswertes Exemplar jener elfenbeinbeschlagenen kleinen Kästen, von denen aus dem Mittelalter eine beträchtliche Anzahl in verschiedenen Formen auf uns gekommen ist. Sie bestehen aus einem mit flachen Elfenbeinteilen ganz belegten Holzkasten. Die Befestigung der Beinplatten auf dem Holz erfolgte in der Regel durch Eisenstifte. Bisweilen hatten diese Kästchen ursprünglich einen profanen Verwendungszweck, zum Beispiel als Brieflade oder zur Aufbewahrung von Schmuck. Vielleicht erhielt im vorliegenden Fall der Kasten auch erst durch Schenkung an das Münster die jetzige sakrale Bestimmung, die man ihm laut einer alten aufgeklebten Pergamentinschrift spätestens gegen Ende des 13. Jh. gab. Über seinen Entstehungsort herrscht ziemliche Unsicherheit. Meist wird angenommen, daß der Kasten in Byzanz oder unter byzantinischem Einfluß in Italien oder auch Deutschland entstanden sei. Deutschland ist jedenfalls mit in Betracht zu ziehen, denn die Gliederung des Deckels und der Langseiten in acht, beziehungsweise der Schmalseiten in vier glatte Quadratfelder sowie deren Einfassung durch etwas vorstehende, kräftige Rahmenleisten mit tauförmigem Ornament erinnern an spätromanische Plattenfriese, wie sie an Apsiden und Kirchenfassaden, Altären und Chorschranken des Rheinlandes vielfach vorkommen.

Zwei ausgestellte Siegelabdrücke, die zum Münsterarchiv gehören, halten die Erinnerung an die Weihe des im Jahre 1275 im Stil der Hochgotik vollendeten Chores und der Sakristei des Münsters wach. Sie waren mit den zugehörigen Weiheurkunden in die beiden Altäre eingefügt, die in jenem Jahr von dem heiligen Dominikanergelehrten und Bischof Albertus Magnus geweiht wurden. Das aus dem dritten Viertel des 13. Jh. stammende Siegel ist von spitzovaler Form und zeigt die im Sinne der Gotik idealisierte schlanke Gestalt des Heiligen im bischölichen Ornat.

Als Dauerleihgabe des Städtischen Museums Mönchengladbach finden sich unter den Exponaten der Schatzkammer zwei geschnitzte Eifenbeintäfelchen, die um 1350 in Paris entstanden sind und ursprünglich die aufklappbaren Flügel von kleinen, nur etwa handgroßen Andachtsaltärchen bildeten. Während das eine von ihnen eine Reliefdarstellung der stehenden Muttergottes zwischen zwei Engeln enthält, zeigt das andere, ebenfalls in Relief, eine dreifigurige Kreuzigungsgruppe unter einem dreiteiligen gegiebelten Baldachin. Der s-förmig gekrümmte, leidende Christus mit langem Lendentuch, das in schönlinigen Falten seine Knie bedeckt, und die ihm zugeneigten Gestalten der Mutter und des Jüngers in faltenreicher Gewandung zeugen von dem virtuosen Können der französischen Elfenbeinschnitzer im Zeitalter der sogenannten höfischen Hochgotik.

Eine ganz andere, echtere Natürlichkeit spricht aus dem verhältnismäßig kleinen spätgotischen Tafelbild, das als Leihgabe aus dem Nachlaß der alten Benediktinerinnenkirche in Mönchengladbach-Neuwerk in die Schatzkammer gelangte. Auf dem um 1470 am Niederrhein entstandenen Gemälde ist die Geburt Christi im Mittelpunkt einer weiten, noch vier andere Szenen enthaltenden Landschaft dargestellt. Vor dieser Hauptszene schweben in der vordersten Bildebene vier Schriftbänder, welche die Szene rautenförmig, jedoch durch Biegung der vier Seiten fast ein Oval bildend einfassen, wobei sie sich dekorativ sehr geschickt mit ihren aufrollenden Enden überkreuzen. Innerhalb dieser Umrahmung hat der Maler die Geburt gegenüber den vier außerhalb angeordneten Szenen wie durch ein Vergrößerungsglas dem Betrachter in all ihren Einzelheiten nahegerükt. Unter dem schützenden Dach eines aus Holzbalken gezimmerten Stalles ist auf poetische Weise die Anbetung des Neugeborenen durch seine Mutter Maria und den von der Seite nahenden Pflegevater Josef wiedergegeben, wie es in der Spätgotik allgemein üblich wurde. Die Haltung der knienden, mit Nimbus versehenen Maria ist ein Hinweis auf ihre wunderbare jungfräuliche Mutterschaft. Dieses Geheimnis wurde von einigen Mystikern, wie etwa der heiligen Birgitta von Schweden, durch legendenhafte Züge noch weiter ausgeschmückt. So habe die Geburt des Kindes Maria in keiner Weise verletzt, ja nicht einmal ihre Gesichtsfarbe verändert. Solche Schilderungen dienten den Malern des 15. Jahrhunderts als Grundlage ihrer Geburtsdarstellungen. Die rahmenden Spruchbänder geben durch ihre Inschriften Erläuterungen zu den vier Szenen in den Äußeren Ecken des Bildes, weiche vier Zeichen und Wunder des Alten Testamentes vorfuhren, die schon seit Beginn der Gotik in der weit verbreiteten Armenbibel als Vorankündigungen der unversehrt jungfräulichen Mutterschaft Marias zu finden waren. Seit dem Beginn des 15. Jh. erscheinen diese sogenannten typologisch-vorbildlichen Ereignisse auch in der Tafelmalerei auf den Randfeldern von Marienbildern. So sieht man auf dem aus Neuwerk stammenden Bild, eingebettet in die zusammenhängende Landschaft, Gottvater im unversehrt brennenden Dornbusch und den davor niederknienden Mose, sodann einen Altar mit dem Priesterstab Aarons, aus dem über Nacht frisches Laub hervorsproß, ferner das Wollvlies des Heerführers Gideon, auf das nächtlicher Tau fiel, whrend die Erde ringsum trocken blieb, und schließlich das in Ewigkeit verschlossen bleibende Tor des Heiligtums, das Ezechiel im Traum sah und durch das allein Gott gehen kann. Die vier vorausweisenden Ereignisse des Alten Bundes sind durch den einheitlichen Landschaftsraum mit jenem geheimnisvollen Geschehen, das im Neuen Bund ihre Erfüllung bildet, zu einer zeitlosen Einheit verknüpft. Wegen dieser einmaligen Bildauffassung und der fein empfundenen Ausführung des Themas zählt die kleine Tafel zu den bedeutendsten Werken der niederrheinischen Malerei aus der Zeit um 1470.

Wegen ihres kulturhistorischen Seltenheitswertes und ihrer kunstgewerblichen Qualität ist die lederne Altarvorsatztafel zu erwähnen, die wohl im 16. Jh. in Italien entstanden ist. Derartige Tafeln wurden zu besonderen Zeiten des Kirchenjahres als festliche Verkleidung bei Altären verwendet. Aufgrund ihrer Aufhängung unter der vorderen Altarkante hatten sie den Namen Antependium. Die durch Prägung und farbige Bemalung des Leders gegliederte Tafel ist in drei durch Renaissancesäulen voneinander getrennte Felder und einen breiten oberen Fries aufgeteilt. Als Füllung dieser Flächen dienen neben reichen gemalten Ornamenten eine figurenreiche Darstellung Christi im Tempel, die das Mittelfeld einnimmt, und mehrere kleine Rundbilder mit Begebenheiten aus dem Marienleben, die sich auf den oberen Fries verteilen. Während diese kleinen Szenen durchaus lebendig sind, zeigt das Hauptbild mit seiner etwas naiven Wiedergabe der Figuren, die teilweise in ihrer Steifheit noch an die Frührenaissance erinnern, einen schlichten Charakter, aus dem jedoch eine ergreifende Frömmigkeit spricht.

Die vielfältigen Aufgabengebiete kirchlicher Kunst sind durch die Bestände an liturgischen Geräten und Paramenten aus der Barockzeit dokumentiert, soweit sie über die Säkularisation hinweg gerettet wurden. Auf einem späteren Meßbuch mit neuem Ledereinband finden sich vorne und hinten getriebene, durchbrochene Silberbeschläge, die in ihrer alten Anordnung aufmontiert sind. Sie sind laut einer gravierten Inschrift in das Jahr 1694 datiert und durch Beschauzeichen und Meistermarke als Werk des Kölner Goldschmieds Georg (oder Gerard) Cunibert Post zu identifizieren. Die Inschrift teilt mit, daß der Deckelschmuck samt einem darin gebundenen Meßbuch in dem genannten Jahr von dem Mönch und Pfarrer Bonifatius Steinvartz für den Gottesdienst am Hochaltar der Pfarrkirche St. Mariae Himmelfahrt in Auftrag gegeben wurde. Vorder- und Rückseite zeigen inmitten von vier Eckbeschlägen, in denen umgeben von üppigen Akanthusblattranken die vier Evangelisten beziehungsweise die Kirchenväter erscheinen, je einen hochovalen, von Blütenranken gerahmten Mittelbeschlag, der die getriebenen Darstellungen der Himmelfahrt Mariens sowie des hl. Vitus mit dem Münstermodell enthält.

Besonderen Wert legte die Barockzeit auf die Fortführung des im Rheinland seit dem Mittelalter verbreiteten Brauches, Heiligenreliquien in hülzernen Büsten einzuschließen. Weithin bekannt ist die im Jahre 1643 errichtete Goldene Kammer der Kölner Frauenstiftskirche St. Ursula mit ihrer Vielzahl solcher Reliquienbüsten vom 13. bis zum 18. Jh. Durch dieses und ähnliche Vorbilder angeregt, ließen auch die Barockäbte von Gladbach zahlreiche derartige Reliquiare herstellen. Allerdings sind von den sechs heute noch vorhandenen männlichen und weiblichen Holzbüsten aus der Zeit vom 14. Jh. bis um 1700 einige wahrscheinlich erst in neuerer Zeit erworben worden, so etwa die um 1700 vielleicht in Köln entstandene Helenabüste, eine sensibel geschnitzte, bemalte und teilweise vergoldete Halbfigur in barocker Bewegung, deren prächtiger peizverbrümter Mantelumhang unter der kostbaren Brustschließe auseinanderklafft und wie ein sich öffnender Vorhang den Blick auf die Schauöffnung für die Reliquie der Heiligen freigibt.

Unter den barocken Erzeugnissen an liturgischer Textilkunst finden sich neben einem Chormantel mehrere Kaseln, also Meßgewänder, und einige Dalmatiken, wie sie der Diakon und der Subdiakon beim feierlichen Hochamt zu tragen hatten. Durch besondere Farbenfrische sticht eine Kasel aus buntem Brokat hervor, die um 1700 entstanden ist. Ihr Brokatmuster besteht aus fülligen Blütenkombinationen und Blumengehängen auf weißem Grund. Zwischen grünem Blätterwerk leuchten schwere Blüten in Rot, Blau und Violett.

Von festlichen Gottesdiensten im Münster und in der von den Mönchen betreuten Pfarrkirche geben auch zwei silberne Weihrauchgarnituren, die eine barock, die andere schon klassizistisch, ein beredtes Zeugnis. Das barocke Rauchfaß, das samt dem zugehörigen Weihrauchschiffchen in Augsburg, dem damals bedeutendsten deutschen Zentrum für Goldschmiedearbeiten, entstanden ist, wurde laut einer eingravierten Inschrift im Jahre 1732 von dem Gladbacher Mönch und gleichzeitigen Pfarrer M. Krantz für die Pfarrkirche angeschafft. Der bauchig ausgebildete Kessel und der ebenso bauchige, durchbrochene Deckel des silbernen Fasses sind weitgehend mit zartem Bandelwerkornament und eingeflochtenen Blüten bedeckt. Nach Angabe des eingestempelten Meisterzeichens handelt es sich wahrscheinlich um ein Werk des Goldschmieds Johann Christoph Laminet.

Neben den silbernen Treibarbeiten wie etwa dem vorstehend besprochenen Rauchfaß oder den bereits weiter oben beschriebenen Buchbeschlägen verdient eine in Kupfer getriebene, vergoldete und versilberte Strahlenmonstranz aus der Mitte des 18. Jh. Beachtung, da ihre elegante Form und die lkonographie ihrer Figürchen bemerkenswert sind. Über dem hochgewölbten, barock geschwungenen Fuß stellt ein herzförmiges Schaugefäß, auf dessen Rand sechs farbige Schmucksteine sitzen, das Zentrum der Monstranz dar. Das von dem Herzen ausgehende große Strahlenrund hat einen wie ein Kiefernzapfen geformten Umriß. Vor diesem umrahmt zusätzlich ein Kranz aus durchbrochenem getriebenem Rocailleornament wie kräuseliges Gewölk das Schaugefäß. Als Sinnbezug zu Christus, dessen in der Hostie gegenwärtiger Leib das Zentrum einnimmt, erscheinen, in das Ornament integriert, hoch oben Gottvater unter einem bekrönenden Baldachinhimmel in Form eines prunkvollen türkischen Sonnenschirmes und der Heilige Geist als Taube auf einer gezackten Flammenscheibe. Zu den drei göttlichen Personen treten zu seiten des Schaugefäßes Maria und Joseph hinzu, die mit Christus in Gestalt der Hostie die heilige Familie darstellen. Am unteren Rand des Ornaments erscheint ein heiliger Bischof oder Abt mit Stab und Mitra in feierlichem Andachtsornat. Wegen seiner axialen Anordnung als untere Entsprechung zu als untere Entsprechung zu Gottvater liegt es nahe, in dieser barocken Abtsfigur eine etwas freiere Darstellung des Mönchsvaters Benedikt zu sehen, der hier möglicherweise die benediktinische Ordensfamilie repräsentiert, die nach dem Vorbild der heiligen Familie von Nazareth Christus als ihr Zentrum betrachten soll.

Während bei der Strahlenmonstranz der Ort und das Jahr ihrer Anfertigung nicht feststellbar sind, erweist sich eine in Silber getriebene Meßkännchengarnitur aus der Zeit des reifen Rokoko durch zwei Stempel als in Neuss hergestellte qualitätvolle Arbeit eines namentlich noch nicht identifizierten Goldschmieds SI. Sie zeigt, daß im 18. Jh. das Gold- und Silberschmiedehandwerk am Niederrhein auch außerhalb von Köln Beachtliches leistete. Auf einem betont zart gearbeiteten ovalen Teller mit geschwungenem Rand und spielerischen, muschelähnlichen Verzierungen, sogenannten Rocaillen, stehen die zierlich bauchigen Kännchen mit schnabelförmigem Ausguß. An Fuß, Kannenkörper und Deckel breiten sich ebenfalls getriebene Rocaillen aus. Auf dem Rand des Tellers befindet sich eine abgekürzte Inschrift, welche besagt, daß dieses kostbare Meßgerät im Jahre 1776 durch den Gladbacher Pfarrer Cölestin Bergmann angeschafft wurde.

Als um das Jahr 1795 mit der Auflösung der kirchlichen Ordnung die meisten Kunstwerke der Abtei- und der Pfarrkirche von Gladbach verlorengingen und erst nach 1800 wieder ein geordneter Zustand eintrat, knüpfte man an die in Jahrhunderten gewachsene, noch immer nachwirkende kirchliche Barockkultur an. Dies ist an dem nach 1800 in spätbarock-klassizistischer Form entstandenen Rauchfaß, das weiter oben kurz genannt wurde, ebenso erkennbar wie an der einen der beiden eingangs erwähnten Turmmonstranzen, die um die Mitte des 19. Jh. aus Teilen einer Monstranz des 16.-17. Jh. zusammengesetzt und mit Ergänzungen versehen wurde. Erst um 1842 hielt der Historismus, der Rückgriff auf weit zurückliegende Stilepochen, mit dem damals einsetzenden Ausbau des unvollendeten gotischen Kölner Domes nach dem mittelalterlichen Plan mehr und mehr Einzug in die kirchliche Kunst. So hat das im Jahre 1850 von dem Kölner Goldschmied Werner Hermeling hergestellte vergoldete Laurentius-Ostensorium, in dem eine Partikel der berühmten Mönchengladbacher St. Laurentlus-Reliquie, dem Haupt des Heiligen zur Schau gestellt ist, eine neugotische Turmform. Daß der meisterhafte Goldschmied dieses Reliquiar anfangs vielleicht in dem ihm eigenen, aus dem Spätbarock entwickelten klassizistischen Zeitstil herstellen wollte und den Schritt zur Neugotik nur unter dem Druck der Auftraggeber tat, zeigt die kleine von ihm als oberer Abschluß des Reliquiars gewählte Standtigur des Heiligen, welche in Tracht und Haltung noch ganz barockklassizistisch ist.

Zu den frühesten neugotischen Schatzstücken gehören ferner zwei Turmreliquiare des hl. Matthias und des hl. Andreas aus den Jahren 1852 und 1862. Unter den zahlreichen späteren historisierenden Reliquienbehältern der Schatzkammer ragen zwei zierlich gestaltete Ostensorlen hervor, deren rundes Schaugefäß von zwei anbetenden Engeln getragen wird. Sie wurden von dem Goldschmied Franz Xaver Hellner in Kempen im Jahre 1874 zur Aufnahme von Scherben eines Trink- und Eßgeschirres geschaffen, die vom Letzten Abendmahl stammen sollen.

Die Besprechung einer Anzahl ausgewählter Kunstwerke des Schatzes wäre unvollständig ohne den Hinweis auf die beiden lebensgroßen, aus vergoldetem Silber bestehenden Reliquienbüsten des hl. Vitus und hl. Laurentius, die der Aachener Goldschmied Bernhard Witte um die Jahrhundertwende nach Entwürfen des Bildhauers Lambert Piedboeuf schuf. Von letzterem stammen ebenfalls die Entwürfe zu den Reliefs des 1895 von Wilhelm Narings in Mönchengladbach gefertigten sogenannten Abendmahlsschreines, der die aufwendigste Goldschmiedearbeit des Münsterschatzes bildet. Der Schrein, der ein wertvolles Tischtuchstück aus dem 1. oder 2. Jh. n. Chr. birgt, ahmt durch seine Form die rhein- und maasländischen Schreine der Spätromanik nach und schließt gewissermaßn mit dieser Anlehnung an das Zeitalter, in dem der Mönchengladbacher Tragaltar entstanden war, den Kreis der besprochenen Werke.

Ernst Coester


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